
Schweizerisches Luftverkehrsunternehmen Sitz: Zürich Dreilettercode: OAW Zweilettercode: 2L Call-sign: HELVETIC Web: www.helvetic.com
Die heutige Helvetic (Helvetia = Schweiz) begann ihr Dasein als Odette Airways. Diese Airline flog Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Kosovo ins schweizerische Asyl. Als der Balkankrieg vorüber war, wollte die Kosovaren wieder die Heimat und auch Freunde und Familienangehörige besuchen. Für die meisten war es aber ein Problem, ein Visum für die Länder zu bekommen, durch die sie reisen mussten. Hier war eine Luftverbindung der einzige Ausweg - und für die Airline ein hochprofitables Betätigungsfeld. Hier fand man die höchsten Ticketpreise in Europa.
Einige Reisebüros haben sich in diesem Marktsegment etabliert und verdienen dabei gutes Geld. In der Vergangenheit konnten diese Anbieter in der Regel Verträge mit Crossair und Edelweiss für diese Gastarbeiterflüge abschliessen. Airlines aus dem Balkan traten mehr und mehr in den Hintergrund. Nicht zuletzt auch, weil Dardan Air oder Air Commerce oder andere saisonale Airlines wie Air Kosova mit ihren Fokker 50 nicht gerade mit Zuverlässigkeit glänzten. Nun hatte einer dieser Reisebürobesitzer ein Projekt unter dem Namen "Pristina Express" in Gang gesetzt, mit einem eigenen Flugzeug in den lukrativen Markt einzusteigen. Ein weiterer Arbeitstitel war "Kosova Airways". Von Crossair wollte man eine MD-83 erwerben. Rein rechnerisch könnte sich der finanzielle Aufwand für den Unternehmer bezahlt machen. Man rechnete der MD-83 noch eine Betriebszeit von fünf Jahren zu. In dieser Zeit kann mit den Flügen, die zweifellos eine gute Auslastung haben werden, der ganze Aufwand amortisiert werden. Schließlich brauchte der albanische Unternehmer noch einen Schweizer Partner. Denn nach noch geltendem Recht musste die Aktienmehrheit in der Schweiz bleiben. Starten wollte man bereits schon ab 1. November 2001, also rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Daraus wurde jedoch nichts. Zu groß war die Verunsicherung im Luftverkehr nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York.
Die neue Fluglinie wollte vorerst nach Pristina, Skopje und Ohrid fliegen und später das Streckennetz weiter ausbauen. Odette Airways gehörte wie die mit zwei Douglas DC-3 operierende Classic Air zur Odette AG, die ihren Geschäftssitz an der Kanalstr. 29 in Glattbrugg hat. Odette AG ist eine Beratungsfirma, welche in den Bereichen Immobilien, Sponsoring, Finanzen, Beteiligungen und Privatisierungen tätig ist.
Odette nahm am 15. Februar 2002 den Betrieb auf und bediente die Zürich - Pristina-Route ein- bis zweimal am Tag mit der MD-83 HB-INV. Diese ehemalige Crossair-Maschine war mit 151 Sitzen in Charterkonfiguration ausgelegt, die über zwei Ethno-Reisebüros vertrieben wurden. Für die neue Airline wurde das Flugzeug umbemalt und erhielt im Heck ein Schweizer Kreuz sowie auf dem ganz weißen Rumpf einen grossen Schriftzug "Odette Airways". Genf - Pristina wurde aushilfsweise auch mal geflogen - ein richtiges Programm sollte aber ab hier nicht aufgelegt werden.
Vom Juli bis Anfangs September 2002 flog die neue Boeing 767-300ER HB-ISE der schweizer Belair vier Wochenrotationen für Odette Airways nach Skopje. Von Mitte Dezember 2002 bis Mitte Januar 2003 hatte man auch die MD-82 HB-INR im Einsatz. Das Flugzeug operierte in einer eigenen grau-weißen Bemalung ohne Aufschrift. Odette verhandelte über den Einsatz einer zweiten MD-83, die im April oder Mai 2003 übernommen werden sollte.

Geburtsstunde der Helvetic Airways
Unabhängig von dieser Marktnische sahen Schweizer Investoren die Möglichkeit einer Low-fare-Airline mit Sitz in Zürich. Die größte Stadt der Schweiz hat traditionell eine der höchsten Flugtarife in Europa. Die Schweiz nahm nicht am europäischen Open-Sky teil, da das Land nicht zur Europäischen Union gehört und die Swissair dominierte den Markt. Als die Swissair sich in den Bankrott verabschieden musste und die noch immer schwächelnde Swiss als neue Airline aus dem Desaster hervorging, entschieden die Entrepreneurs, dass nun die Zeit gekommen war zu reagieren. Als Resultat entstand Helvetic Airways. Um möglichst zeitnah zu reagieren, arrangierte man sich mit Odette Airways und nutzt deren AOC, während diese als separate Einheit weiter besteht.
Von Anfang an wollte Helvetic den Betrieb möglichst einfach halten. Während einige Airlines gemütliche Büros im Terminal unterhalten, besteht das Helvetic-Hauptquartier aus einem Bauwagen-Anhänger im Frachtbereich. Jeder Flug kostet bei Helvetic 99 EUR (plus Steuern). Man betreibt ausschließlich die Fokker 100, die zuvor bei American Airlines flog und über einen der Teilhaber (Airfleet Credit Corp. von Wilfried Koeck, der auch CEO der Aviace AG ist, die 112 Businessjets des neuen amerikanischen Modells Eclipse 500 bestellt hat und in verschiedenen Ländern im Rahmen von Fractional Ownership-Projekten und sogenannten Jet-Clubs anbieten will. Helvetic CEO Peter Pfister agiert dort als Vorstandschef) angemietet wurden. Die Fokker 100s sind mit 100 Sitzen (dadurch spart man die dritte Flugbegleiterin) mit einem Sitzabstand von 84 cm ausgestattet. Eine Zusammenarbeit mit Germania, die ebenfalls Fokker 100 für ihre Lowcost-Marke gexx beschaffte, kam nicht zustande (Germania will nun unter dem ursprünglichen Arbeitstitel Helvetia Express einen eigenen Ableger gründen). Als Chefpilot wurde mit Bruno Dobler ein Crossair-Mann der ersten Stunde verpflichtet. SR Technics zeichnet für die Wartung verantwortlich. Die Cabin Attendents stehen unter Leitung von Marc Taeter, der von Berline über Air Berlin und Jet Aviation Saudi Arabien zu Odette kam.
Helvetics Erstflug war für den 28. November 2003 vorgesehen. Medienvertreter wurden für den Flug nach Wien (2x tgl. bedient) geladen doch ein mechanisches Problem an der F.100 HB-JVA "Winkelried" (nach dem Enteisen streikten die Rolls-Royce-Triebwerke) verhinderte den Flug in letzter Minute. So fand der wirkliche Erstflug einige Stunden später von Zürich nach Alicante (4x wöch.) statt. Am 10. Januar 2004 traf die zweite Maschine, HB-JVB, einNach und nach wurden neue Städte wie Valencia (3x wöch.), Brüssel, Malaga und Palma (letztere ab 9.1.04) sowie ab 27. Februar 2004 Nizza, Prag, Marseille und Venedig ins Programm aufgenommen, wobei man sorgfältig auf einen guten Mix aus Business- und Urlaubszielen achtete. In einer großangelegten Leserumfrage evaluierte die Airline Anfang November die beliebtesten Ziele und will eine Anzahl davon aufnehmen. In den Morgenstunden starten die Fokker zu Businesszielen und danach in die Ferienregionen. Anschließend werden die Geschäftsreisenden wieder eingesammelt und es geht zurück nach Zürich.
Das Flugzeug und alles andere, was mit der Airline zu tun hat, ist komplett magenta (also shocking pink) gestrichen. Dazu folgende kleine Anekdote: Einer der Helvetic-Piloten befand sich bei dichtem Nebel auf dem Taxiway in Wien. Der Tower sprach ihn an:" Ihr Flugzeug ist das einzige, das ich erkennen kann."
Normalerweise sind zwei Flugbegleiter an Bord, außer bei stark nachgefragten Verbindungen wie z.B. Wien, wo ein dritter eingesetzt wird. Mit First Catering wurde ein Abkommen geschlossen, die das komplette Catering bei voller Risikoübernahme abwickelt. Die Flugbegleiter verkaufen dann aus einer langen Menüliste, die neben Speisen und Getränken auch Salat, Champagner und Cappuccino enthält. Helvetic erhält bei Verkauf eine Provision, die mit den Flugbegleitern geteilt wird.
Passagiere können ihr Ticket über ein vertraglich gebundenes Callcenter gegen eine zusätzliche Gebühr oder direkt auf der Website buchen. Ein Check-In ist in Zusammenarbeit mit der Schweizer Bundesbahn auch an 100 Bahnhöfen möglich, an der Hälfte davon gibt es auch gleich die Bordkarte. Der Schweizer Reisekonzern Kuoni hat auf jedem Flug ein kleines Kontingent inne, welches über Vertragspartner in den Schweizer Reisebüros angeboten wird. Das Vielflieger-Programm ist genauso einfach gehalten wie die Preise: der Käufer (also nicht unbedingt der Reisende) erhält für zehn verkaufte Tickets ein Freiticket. So erhält eine fünfköpfige Familie bei einem Rundflug (hin und zurück) ein einfaches Ticket dazu. Die Reiseagenten verkaufen zehn Tickets und das elfte behalten sie als Komission. Helvetic lässt ihre Flüge in keinem der globalen Vertriebswege erscheinen - man muss auf die Website.
Der Ticketpreis von 99 Euro ist in seiner Einfachheit einzigartig. Andere Airlines werben mit niedrigen Preisen, die aber nur für ein kleines Kontingent in nachfrageschwächeren Tageszeiten gelten. Helvetic gesteht zwar ein, dass auch Hochpreisairlines wie Swiss und Lufthansa im Heimatmarkt der Helvetic Niedrigpreise anbieten - aber nur wenn man diese schon Wochen im Voraus bucht. Aber der Last-minute-Reisende ist typischerweise immer gezwungen, überzogene "walk up"-Tarife zu zahlen. Er schätzt die Devise "gleicher Preis für jeden Sitz auf jedem Flug". Auch für das Management ist es so sehr einfach vorherzusehen, wie viel Ertrag dieser oder jener Flug einbringt: 61 verkaufte Sitze nach Rom? Macht 61 x 99 EUR. Ein Überbuchen gibt es nicht. Passagiere zahlen in dem Augenblick, wo sie die Tickets bestellen. Wenn sie den Flug verschieben oder absagen müssen, können sie dies bis zwei Stunden vor Abflug gegen eine Gebühr von 25 EUR tun. Die verbleibenden 74 EUR werden für einen zukünftigen Flug gutgeschrieben.
Bisher war Helvetic noch nicht profitabel; beförderte man doch gerade mal 30.000 Passagiere bei einer Auslastung von 31 %. Der Fairness halber muss man aber bedenken, dass es die schwächere Wintersaison war und man sich nun langsam der 50%-Marke nähert. Ab diesem Wert wird es profitabel für Helvetic.
Eine vierte Fokker 100 HB-JVD traf am 27. März aus East Midlands kommend in Zürich ein und stand bereits am folgenden Tag im Linieneinsatz. Nach den Ursprungsplänen wollte die Airline bis Jahresende 11 Stück in der Flotte haben (davon eine als Reservemaschine). Diese Wachstumsrate wurde inzwischen als zu schnell angesehen und man lässt sich damit bis Sommer 2005 Zeit. Neue Ziele waren ab 29. März 2004 Rom-Ciampino und Neapel sowie ab 14. Mai 2004 Madrid (wochentäglich, ab 13. Juni auch sonntags) und Amsterdam (ab 11.6. 2x tgl.). Bis 1. August zahlen Passagiere für die neue Destination nur den Hinflug. Die Verbindung Zürich - Brüssel wurde wegen schlechter Auslastung (7-12 %) zum 9. Mai gestrichen. Die Frequenzen nach Alicante und Palma wurden zum 1. Juli auf tägliche Bedienung aufgestockt. Damit dies möglich wurde, beschaffte sich Helvetic weitere Fokker 100. Am 12. Mai traf die HB-JVE ein und flog tags darauf erstmals nach Venedig. Die Ankunft der sechsten Maschine HB-JVF wurde auf Ende Juni gelegt. Ende Juli soll dann die siebte und vorerst letzte Maschine eintreffen und als Reserveflugzeug zur Verfügung stehen. Paris und London werden als weitere Ziele favorisiert.
Ab Mitte Mai werden zusätzlich Wochenendcharter im Auftrag von Kuoni nach Bulgarien, Griechenland, Italien, Spanien und die Türkei durchgeführt.
Stellt sich die Frage, was mit dieser MD-83 in der Flotte passiert? Insider sprechen davon, dass sie zum Herbst ausscheiden soll. Eine neue Airline betrat den Pristina-Markt: Kosova Airlines. Es handelt sich hierbei um Flüge der Hamburg International, die von der kosovarischen Regierung nach einer Wettbewerbsausschreibung den Status eines Nationalcarriers erhalten hat. Einer von Odettes Reiseveranstalter wechselte inzwischen die Geschäftsbeziehungen. Die 161-sitzige MD-83 ist nun nicht mehr die richtige Wahl für diese Strecke. Da die Schweiz kein EU-Mitglied ist, traf es mit allen EU-Mitgliedern bilaterale Abkommen und kann jede EU-Nation ansteuern, ohne extra Verkehrsrechte beantragen zu müssen. Der Kosovo ist kein EU-Mitglied und so kann Helvetic nicht so ohne weiteres die MD-83-Flüge der Odette gegen tägliche Fokker-100-Dienste der Helvetic austauschen. Dies setzt eine Regierungsgenehmigung voraus.
Diese kleine Airline hat bisher alle Regeln gebrochen. Sie hat nur einen Tarif, operiert aus einem kleinen Markt heraus mit Flugzeugen, die andere Airlines schon außer Betrieb gestellt haben - und lackiert diese dann noch pinkfarben. Und - während der Nationalcarrier der Schweiz strauchelte und deren Nachfolger einer ungewissen Zukunft entgegenblickt - hält sich Helvetic Airways an die Marketing-Regel 101: Finde heraus, was der Kunde wünscht und komme anschliessend diesem Wunsch nach. Dies ist eine einfache Regel aber einige traditionelle Airline haben diese entweder nie gelernt oder haben sie vergessen. Die Rechnung könnte am Ende für Helvetic aufgehen.
Quellen:11 Fokker 100 bis 2005, lsf Airfleet Credit 1 MD-83 lsf Orest Leasing/ Odette Airways cs.